... dass das heute noch immer so ist

Kontinuitäten der Ausgrenzung

Author: Heike Rode (page 1 of 6)

Polnische Nationalist_innen bei Feier zum Jahrestag der Befreiung des KZ Ravensbrück-Statement

Polnische Nationalist_innen provozieren erneut in Ravensbrück!

Aufforderung an die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück endlich zu handeln!

Seit den letzten Jahren werden die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück immer massiver von polnischen Nationalist_innen gestört. So auch dieses Jahr am 22. April 2018. Nationalistische Symbole auf Armbinden paramilitärischer Kleidung, Fahnen und Bannern werden (nicht nur) von aggressiven jungen Männern offen getragen. Wie berechnend sie diese Symbolik einsetzen, zeigt unter anderem das punktgenaue Auftauchen einer Flagge der Narodowe Siły Zbrojne (Nationale Streitkräfte, NSZ) zu Beginn des jüdischen Kaddisch-Gebets. Diese Organisation ist für die Ermordung von Jüd_innen und Kommunist_innen sowie für ihre Kollaboration mit den Deutschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt.

Zwar beschwor die Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach auch in ihrer diesjährigen Rede eine Europäisierung des Gedenkens. Doch statt den vielfältigen (National-)Fahnen früherer Jahre, die die Herkunft der Häftlinge des Konzentrationslagers kennzeichneten, steht sie jetzt nur noch einem Meer von polnischen Fahnen gegenüber. Schon in den Vorjahren waren sowohl Mitarbeiter_innen der Mahn- und Gedenkstätte als auch Besucher_innen am Rand der Gedenkveranstaltung massiv bedroht, beschimpft und abfotografiert worden. In diesem Jahr ist die Situation jedoch auf der Gedenkveranstaltung selbst eskaliert: Mehrere polnische Nationalist_innen stellten sich demonstrativ direkt vor das Banner der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis, um dieses sowie die dazugehörenden antifaschistischen Flaggen zu verdecken. Die Gruppe der Nationalist_innen wurde immer größer, ihr Auftreten war bedrohlich. So fotografierten sie ständig die Gesichter derjenigen, die um das Banner der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis standen. Als sie von Besucher_innen aufgefordert wurden, ihre nationalistischen Transparente wieder einzurollen und etwas weiter wegzugehen, reagierten sie laut und aggressiv und es kam fast zu Handgreiflichkeiten. Das Auftreten der polnischen Nationalist_innen – nicht nur bei diesem Zwischenfall – hat die Gedenkfeier so massiv gestört, dass für viele ein Gedenken nicht mehr möglich war.

Einige Mitarbeiter_innen der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück versuchten spontan, in die angespannte Situation einzugreifen, um Schlimmeres zu verhindern. Ein Handeln der Mahn- und Gedenkstätte von offizieller Seite blieb jedoch aus. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre hatte die Mahn- und Gedenkstätte im Vorjahr angekündigt, eine Strategie zum Umgang mit diesem immer massiveren Problem entwickeln zu wollen. Doch das ist anscheinend nicht passiert. Im Gegenteil: Sogar der kleine Vermerk auf der Einladung im Vorjahr, dass nationalistische Symbole auf der Gedenkfeier nicht erwünscht seien, fehlte in diesem Jahr wieder.

Wir fordern die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück auf:

  • ihre Besucher_innen (insbesondere die Überlebenden und deren Nachkommen!) vor rechten, nationalistischen Bedrohungen zu schützen und eine Atmosphäre zu schaffen in der ein Gedenken möglich ist

  • sich eindeutig gegen Nationalismus sowie Antisemitismus und Rassismus in all ihren Ausprägungen zu positionieren

  • endlich eine umfassende Strategie zu entwickeln, um zukünftig Provokationen von Nationalist_innen zu verhindern

  • schon bei der Einladung zur Gedenkfeier klar zu machen, dass nationalistische Symbole unerwünscht sind

  • von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Nationalist_innen vom Gelände der Mahn- und Gedenkstätte zu verweisen, wenn sie ihre Provokationen (durch entsprechende Symbole und ihr Verhalten) nicht einstellen

  • ihre Einladungspolitik so zu gestalten, dass kritische und fortschrittliche Stimmen mehr Gehör bekommen und nicht Vertreter_innen einer reaktionären, repressiven, rechten Politik weiter gestärkt werden

Wir finden es notwendig mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und anderen, die sich dort engagieren, daran zu arbeiten, dass Nationalismus an diesem Ort und im Besonderen bei den Gedenkveranstaltungen zukünftig keinen Platz mehr hat.

Einige Teilnehmende aus der Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V.
April 2018

www.gedenkort-kz-uckermark.de
Kontakt: info@gedenkort-kz-uckermark.de

Statement_zur_Gedenkfeier_Ravensbrueck

73. Jahrestag der Befreiung 21.4.2018

Am 21.4.2018 findet um 15.30 Uhr auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Uckermark eine Gedenkfeier zum 73. Jahrestag der Befreiung statt.

auf dem Gelände des ehemaligen KZ Uckermark mit Redebeiträgen von Überlebenden des KZ Uckermark und Angehörigen, von Ibrahim Arslan (Überlebender des rassistischen Brandanschlags 1992 in Mölln) u.a. Übersetzung in polnisch und englisch (Deutsche Gebärdensprache angefragt) Musik von LEBENSLAUTE Im Anschluss wird um ca. 16.30 Uhr das Theaterstück „Nicht Vergessen“ aufgeführt, das sich mit dem Ort, seiner Geschichte und mit Erinnerungskultur auseinandersetzt.
Shuttle ab 13.45 Uhr vor dem Besucher*inneninformationszentrum (BIZ) der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück Bei schlechtem Wetter wird ein Alternativort für die Gedenkfeier ausgeschildert bzw. auf der Website www.gedenkort-kz-uckermark.de bekannt gegeben.

2018_Gedenkfeier_Uckermark

DVDs wieder erhältlich

Ab sofort sind wieder DVDs erhältlich, mit deutschen, englischen und polnischen Untertiteln. Die DVDs sind über untenstehendes Kontaktformular zu bestellen.

Wir freuen uns über eine Spende an die Initiative Gedenkort KZ Uckermark e.V.

DE61 4306 0967 7924 5544 00
GLS-Bank

Ausstellung: Geschichte der Kindheit im Heim

Ausstellung

Geschichte der Kindheit im Heim

Gemeinsame Körperhygiene im Heim, Vorlage: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, P 8825, Quelle: Stiftung "Großes Waisenhaus zu Potsdam"

Gemeinsame Körperhygiene im Heim, Vorlage: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, P 8825, Quelle: Stiftung „Großes Waisenhaus zu Potsdam“

Unter welchen Bedingungen kamen Mädchen und Jungen früher in Heime? Was verstand man unter dem Begriff Fürsorgeerziehung?

Diese und viele weitere Fragen zu diesem Thema werden in der Ausstellung „Geschichte der Kindheit im Heim“ beantwortet. Beginnend mit den Anfängen der staatlichen Fürsorge im deutschen Kaiserreich spannt die Ausstellung einen Bogen über die reformpädagogischen Versuche der Heimerziehung in den 1920er Jahren, die Situation der Fürsorgeerziehung in der Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Heimerziehung in West- und Ostdeutschland. Die Ausstellung wird auf den vier Etagen des barocken Treppenhauses im Waisenhaus gezeigt.

https://www.potsdam.de/event/geschichte-der-kindheit-im-heim

Bachelorarbeit Exemplarische Begleitmaterialien zu Filmen – welche Kriterien antidiskriminierender Bildungsarbeit können sie erfüllen?

Die Begleitmaterialien in der Bachelorarbeit für einen Workshop zu und mit dem Film sind bisher nicht ausprobiert und müssen sicher für die Praxis überarbeitet, ergänzt, verändert … werden. Dennoch möchte ich sie als Anregung hier zur Verfügung stellen.

BA_Exemplarische Begleitmaterialien zu Filmen – welche Kriterien antidiskriminierender Bildungsarbeit können sie erfüllen

Zeitungsartikel Tagesspiegel 22.1.2018: Nationalsozialismus Als „Polenliebchen“ ins KZ

Nationalsozialismus Als „Polenliebchen“ ins KZ

Falsche Freunde, falsche Musik: Jugendliche, die von der NS-Norm abwichen, landeten in „Jugendschutzlagern“.

Manfred Kappeler

Kontrolliert und diszipliniert. Das Foto zeigt einen Aufmarsch junger Frauen am 10. Februar 1935 im Berliner Sportpalast. Abweichler wurden im Lager nach unterschiedlichen Kategorien sortiert.

Kontrolliert und diszipliniert. Das Foto zeigt einen Aufmarsch junger Frauen am 10. Februar 1935 im Berliner Sportpalast….Foto: Imago/Zuma/Keystone

Erna Brehm war eines der Mädchen, die zwischen 1942 und Frühjahr 1945 im Jugendkonzentrationslager „Uckermark“ inhaftiert waren. Sie arbeitete als 17jährige in einer Konditorei in Calw. Dort lernt sie den Polen Marian Gawronsky kennen. Die beiden verlieben sich ineinander. Der Konditormeister verbietet Erna den Kontakt mit Marian, informiert ihre Eltern und droht mit einer Anzeige. In der Hoffnung, der Polizei ihre Liebe erklären und ihre Beziehung mit Marian retten zu können, geht sie selbst zur Polizei. Sie wird sofort inhaftiert. Auf dem Calwer Marktplatz werden ihr als „Polenliebchen“ die Haare geschoren. Ein Stuttgarter Gericht verurteilt sie wegen „Geschlechtsverkehr mit einem Ausländer“ zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe. Ihren Freund Marian sieht sie nicht wieder. Er wird ebenfalls verhaftet. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Erna wird nach den acht Monaten vom Gefängnis mit Zustimmung des Jugendamtes als „sexuell verwahrlostes Mädchen“ in das Jugendkonzentrationslager Uckermark verbracht. Sie überlebt den extremen Lageralltag – harte Arbeit, Hunger, absolutes Sprechverbot, militärischen Drill, Strafen – und die dort an den Inhaftierten vorgenommenen kriminalbiologischen Untersuchungen, stirbt aber an den Folgen der KZ-Haft im Alter von 27 Jahren im August 1951.In den Jugend-KZs Moringen und Uckermark wurden in den Jahren 1940 bis 1945 circa 3000 Jugendliche inhaftiert. Offiziell hießen die KZs „Jugendschutzlager“. Sie waren mit Stacheldraht, Wachtürmen und Einsicht-Blenden gesichert und wurden von der SS bewacht.

„Drohende Verwilderung der Jugend“

Am 1. Februar 1940 fand unter der Leitung Görings im „Reichsverteidigungsrat“ eine Besprechung über „drohende Verwilderung der Jugend unter dem Einfluß des Krieges“ statt. An der Sitzung nahm fast die ganze NS-Führungsklicke teil. Die Situation wurde als so bedrohlich eingeschätzt, dass Verschärfungen des Jugendstrafrechts, ein sogenannter polizeilicher Jugendschutz und die Errichtung von besonderen Lagern für männliche und weibliche Jugendliche, deren Handeln als eine „Gefährdung für die übrigen Jugendlichen“ bewertet wurde, beschlossen wurden. Die Durchführung dieser Beschlüsse übernahm Himmler als Polizei- und SS-Chef.

Der „totale Erziehungsanspruch“ des NS-Regimes gegenüber der heranwachsenden Generation wurde mit seinen Auffassungen von Volk, Volksgemeinschaft und Staat begründet. Den unbedingten Erfassungswillen des Regimes betonte Hitler in einer Rede am 2. Dezember 1938, in der er die Erziehung zu „ganzen Nationalsozialisten“ vom Jungvolk über die Hitlerjugend bis zur Wehrmacht beschrieb: „Sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben! Und sie sind glücklich dabei.“ Diese Rede Hitlers wurde immer wieder durch stürmischen Beifall und „Heil“-Rufe unterbrochen.

Dass die „Erfassung der gesamten deutschen Jugend“ nicht in dem angestrebten Maße funktionierte, wird aus Berichten der Gestapo deutlich. Zum Beispiel in einem Bericht über die sog. Navajo-Aktivitäten in Köln, vom 4. August 1936: „Am 20.7. wurden gegen 22 Uhr sechs Angehörige des HJ-Streifendienstes, auf dem Rummelplatz Perlengraben (…) von einer 120 bis 150 Mann starken Navajos-Bande umringt und angerempelt. Nachdem einige Schimpfworte gegen die Hitlerjungen ausgestoßen wurden, kam es zu Tätlichkeiten. (…) Immer wieder tauchen diese Banden auf, einmal stärker, einmal schwächer, um auf die HJ Jagd zu machen.“

Gegen die Swing-Kids in Hamburg wurde vorgegangen

An der Seite von Polizei und SS beteiligte sich die HJ an der Kontrolle und Disziplinierung der „arischen“ Jugendlichen, die sich der Erfassung durch die HJ entzogen und mit ihrem Handeln gegen den NS-Sittenkodex verstießen. Der HJ-Streifendienst war auch an der „Aussonderung“ von Jugendlichen beteiligt, die in den Jugend-KZs inhaftiert wurden. Ein Beispiel dafür ist sein Vorgehen gegen die sogenannten Swing-Kids in Hamburg. Am 2. März 1940 drang der Streifendienst in eine Tanzveranstaltung dieser Gruppe ein und registrierte 460 Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Der HJ-Streifenführer schrieb über die „Ausschweifungen“: „In Hysterie geratene Neger bei Kriegstänzen sind mit dem zu vergleichen, was sich dort abspielte.“

Die Swing-Kids orientierten sich am Lebensstil anglo-amerikanischer Jugendlicher in Kleidung, Körperhaltung, Genussmittelkonsum und vor allem Musikgeschmack. Aber in den Schallplattenläden durfte ihre Musik nicht mehr verkauft und nach der Olympiade 1936 auch nicht mehr gespielt werden. Der Hamburger HJ-Streifenführer verlangte vom Reichsjugendführer ein Eingreifen. Der forderte seinerseits den SS-Führer Himmler zum Eingreifen auf, und der ordnete die Inhaftierung von „Rädelsführern“ der Swing-Kids in den Jugend-KZs an und forderte eine harte Bestrafung von deren Eltern. Günter Discher, der „Plattenbesorger“ der Gruppe, wurden in Moringen beziehungsweise in Uckermark inhaftiert und Eva Rademacher in Uckermark. Sie gehörte zu den Swing-Kids und hatte jüdische Freunde. Ihre „Verbrechen“ bestanden darin, dass sie Freundschaften mit „rassefremden“ Gleichaltrigen pflegte und lieber Swing und Jazz als Marschmusik hörte.

Die Jugendlichen wurden im Lager verschiedenen Blöcken zugewiesen

Über das Jugend-KZ Moringen schrieb die „Kölnische Zeitung“ am 16. November 1940: „Zweck der Unterbringung ist rechtzeitiger Schutz der Gemeinschaft vor Asozialen und Kriminellen (…).“ Dieser Zeitungsartikel wurde in führenden Fachzeitschriften der Wohlfahrtspflege, u.a. in der „Caritas“ (1/1941) nachgedruckt. Dort mit dem Zusatz: „Zurückgestellt ist zunächst die Aufnahme von Zigeunern, Juden und schwer schwachsinnigen Asozialen.“ Als „zigeunerstämmig“ bezeichnete Jugendliche wurden dann aber auch in Moringen zum Zwecke der Durchführung kriminalbiologischer Untersuchungen inhaftiert.

In Anwendung kriminalbiologischer „Erkenntnisse“ gab es in Moringen folgende „Blockeinteilung“: 1. B-Block (Beobachtungsblock): „Sichtung“ der „Neuzugänge“. 2. U-Block (Block der Untauglichen): „Zusammenfassung der Schwachsinnigen und Geisteskranken“, 3. S-Block (Block der Störer): für „schwierige Zöglinge, charakterlich Abartige, insbesondere mit Gemütsmängeln Behaftete, Überrege, Erregbare, anlagemäßig Unzufriedene und Mißgestimmte, unverbesserliche Quälgeister, rücksichtslose Gauner“. 4. D-Block (Block der Dauerversager): für „Zöglinge mit charakterlichen Schwächen, Unstete, Antriebsarme, die im Lager ebenso wie in der Freiheit jeder Belastungsprobe erliegen und einen Hang zu Abirrungen haben“. 5. G-Block (Block der Gelegenheitsversager): für „vorwiegend Haltlose, Unbeständige, Leichtsinnige, die in der Freiheit hochgradig gefährdet sind“. 6. F-Block (Block der fraglich Erziehungsfähigen): für „Ungeratene und Schwerverwahrloste, auch mögliche Spätreife, die einem Erziehungsversuch noch zugänglich sein können“. 7. E-Block (Block der Erziehungsfähigen): für die noch „zu Hoffnungen Berechtigenden, vorwiegend Verwahrlosten, Erziehungsgeschädigten, Pubertätsversager u. dgl. Bisher konnten diesem Block 6-8 v.H. der Zöglinge zugewiesen werden. Aus ihm erfolgten die Entlassungen in die Freiheit“.

Die meisten, die das Jugend-KZ überlebten, kamen danach in andere Anstalten und KZs

Der „St.-Block“ in dem jugendliche Gestapo-Häftlinge eingeschlossen waren, wurde in der Veröffentlichung des Autors (Stellvertreter Himmlers), aus der die Informationen über die Selektion in den Jugend-Kzs stammen, verschwiegen. Das Handeln dieser Jugendlichen wurde nicht als Folge von „Verwahrlosung“, „Asozialität“ oder „Kriminalität“ interpretiert, sondern als bewusstes politisches Handeln gegen den NS-Staat. Nach dem Gefangenenbuch des Jugendkonzentrationslagers Moringen waren 1944 in diesem Block 100 Jugendliche eingeschlossen. Im Frühjahr 1944 waren bereits circa 1200 Jungen in Moringen inhaftiert. Für über 90 Prozent von ihnen war, nach den Angaben Werners, das Konzentrationslager für Erwachsene oder eine lebenslange Asylierung in anderen Anstalten vorgesehen, sofern sie das Jugendkonzentrationslager überlebten.

„Sexuelle Verwahrlosung“ sei einer der Hauptgründe für die Inhaftierung der Mädchen gewesen. Die Lagerleiterin schrieb: „Ursache und Art des Entgleisens sind immer wieder entscheidend bedingt durch Triebhaftigkeit, die in Verbindung mit Hemmungslosigkeit und Minderbegabung zur sexuellen Verwahrlosung führt.“ Viele der Mädchen wurden „wegen Geschlechtsverkehr mit fremdvölkischen Arbeitern“ auf Veranlassung der Gestapo dort eingewiesen. Die in die Jugend-KZs gebrachten Jugendlichen wurden als „sehr schlechtes Menschenmaterial“ beschrieben: „Menschen, an denen die Fürsorgeerziehung versagt hat, vielfach versagen mußte, weil ihre Verworfenheit biologisch bedingt ist.“

Die die Jugendlichen klassifizierende und diskriminierende Sprache war keine Hervorbringung des NS-Systems. Sie war bereits vor dem Ersten Weltkrieg von Psychiatrie und Jugendfürsorge gemeinsam zur dominanten Fachsprache gemacht worden und blieb es in der Jugendhilfe und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie beider deutscher Staaten über das NS-Regime hinaus bis in die 70er/ 80er Jahre. Keine der an der konkreten Errichtung und Durchführung der Jugendkonzentrationslager beteiligten Personen wurde nach 1945 von einem deutschen beziehungsweise österreichischen Gericht verurteilt, obwohl überlebende Häftlinge Strafanzeigen gestellt hatten. Aus den Reihen der für die Jugendkonzentrationslager in Politik, Verwaltung und Praxis Verantwortlichen haben viele im „Nachkriegsdeutschland“ Karriere gemacht.

Nur ganz wenige wurden rehabilitiert und entschädigt

Für die meisten der Überlebenden der Jugendkonzentrationslager waren ihre Bemühungen um Rehabilitation und Entschädigung vergeblich. Erst 1970 wurden Moringen und Uckermark als KZs anerkannt und eine Frist von sechs Monaten für Anträge auf „Wiedergutmachung“ gesetzt. Da diese Entscheidung nur im „Bundesgesetzblatt“ veröffentlicht wurde, erfuhren die allermeisten Überlebenden davon nichts. Die Forschungen zu den Jugend-KZs in den achtziger Jahren führten schließlich zur Einrichtung eines „Härtefonds“, aus dem auf Antrag eine geringe „Entschädigungssumme“ gezahlt wurde.

Die in den Lagern geleistete Zwangsarbeit für NS-Rüstungsbetriebe und Fremdfirmen, wie die Siemens AG, wurde weder vom Staat noch von den Firmen nachträglich entlohnt, und die Rentenanstalten der beiden deutschen Staaten und Österreichs lehnten es ab, die Jahre in den Jugendkonzentrationslagern bei der Berechnung der Altersrente zu berücksichtigen. In den Ablehnungsbescheiden wurde den Überlebenden mitgeteilt, die Unterbringung in den Lagern sei eine jugendfürsorgerische Maßnahme gewesen, die sie durch asoziales und kriminelles Verhalten selbst verschuldet hätten-

Manfred Kappeler

Der Autor ist Professor für Sozialpädagogik i. R. an der TU Berlin. Der Artikel ist eine gekürzte Fassung seines Vortrags in der Veranstaltungsreihe „Geschichte der Kindheit im Heim“ in Potsdam. Noch bis zum 31. März gibt es dazu Vorträge, Filme und eine Ausstellung. Der Eintritt ist frei. Mehr hier.

http://www.tagesspiegel.de/wissen/nationalsozialismus-als-polenliebchen-ins-kz/20874356.html

Nationalsozialismus Als „Polenliebchen“ ins KZ

DVD mit deutschen,englischen und polnischen Untertiteln

Ab Anfang 2018 gibt es den Film wieder auf DVD- mit deutschen, englischen und polnischen Unertiteln-gegen Spende über das Kontaktformular zu bestellen.

Filmvorführung in Berlin 6.12.2017

Bei der Küche für alle im SUBVERSIV, Brunnenstr. 7, Berlin gibt es nicht nur leckeres veganes Essen – um 20 Uhr wird der Film gezeigt und im Anschluss gibt es die Möglichkeit zu Gespräch und Diskussion mit den Filmemacher*n.

Filmvorführung in Göttingen 27.11.2017

https://www.uni-goettingen.de/de/montag%2c+27.11.2017%3a+…+dass+das+heute+noch+immer+so+ist+-+kontinuit%c3%a4ten+der+ausgrenzung+++film+und+publikumsgespr%c3%a4ch+mit+der+regisseurin+heike+rode/575120.html

https://www.facebook.com/events/125671291445149/

 

Die Fachgruppe Genderforschung zeigt:
… dass das heute noch immer so ist – Kontinuitäten der Ausgrenzung

Film und Publikumsgespräch mit der Regisseurin Heike Rode

Wann: Montag, den 27.11.2017
Zeit: 18Uhr
Ort: Zentrales Hörsaalgebäude (ZHG) 004

Der Film schildert exemplarisch die Geschichte von Verfolgung und Stigmatisierung sogenannter Asozialer im NS. Maria Potrzeba wurde vorgeworfen, eine sexuelle Beziehung zu dem polnischen Zwangsarbeiter Floran Spionska zu haben. Nach einem Verhör durch die Gestapo wurde sie in das Jugendkonzentrationslager Uckermark eingeliefert. Die Zwangsarbeiter Florian Spionska und Josef Goryl wurden öffentlich gehängt. Maria leidet bis heute unter der Verfolgung. Wie in allen Familien gibt es auch in ihrer Familie generationsübergreifende Auswirkungen der Verfolgungsgeschichte. In Interviews erzählen Nichten und Neffen, wie sie von der Verfolgung ihrer Tante erfahren haben und was das für sie bedeutet. In vielen deutschen Orten gibt es vermutlich ähnliche Geschichten der Verfolgung und Ausgrenzung.
Weitere Informationen: www.film-kontinuitaeten-heutenoch.de

Heike Rode, Aktivistin der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis und Initiative für einen Gedenkort KZ Uckermark e.V., war gut mit Maria befreundet. Sie war an Idee, Regie, Dramaturgie und Produktion beteiligt.

Zu den 39. Biberacher Filmfestspielen eingeladen

Der Film ist in den Wettbewerb um den besten Dokumentarfilm bei den Biberacher Filmfestspielen vom 31.10. – 5.11.2017 (http://www.biberacherfilmfestspiele.de/ ) eingeladen.

„Ein ganz wichtiges Thema, das überall in Deutschland „totgeschwiegen“ wird….

Dieser Film besticht durch seine klare Konzentration auf die Erzählungen von Maria und ihre Verwandten und ist damit umso eindringlicher in Aussage und Wirkung.“

http://www.filmfest-biberach.de/programm
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